Überfällig: Die ‚Zweite Aufklärung‘ – Jenseits von Descartes beginnt die Zukunft noch mal ganz neu


revolutionAls im 18ten Jahrhundert unsere Kultur zu Logik und Verstand, Wissenschaft und dem im Grunde noch immer geltenden Paradigma einer wissenschaftlich mess- und beweisbaren Realität aufwachte, wurde so Einiges mit dem Bade ausgeschüttet. Das Primat der Vernunft (oder sollte es doch besser ‚Der Primat namens Vernunft‘ heißen?) – die behauptete Herrschaft des Denkens über, nun … alles (!) war ein Game-Changer. Die Aufklärung der Vernunft brachte den Sieg der Mechanik, des Reduktionismus in der Wissenschaft, die fürderhin alles in kleine Teile zerlegte und analysierte – und es brachte uns die Nullen und Einsen als letzte verbindliche Sprache der Technologie.

Klasse! Ich finde, dieser Weg hat sich gelohnt. Sonst gäbe es auch diesen Blog nicht. Leider bringen wir dabei unsere Planetenoberfläche so sehr in Bedrängnis, dass wir kurz davor stehen, uns den Ast auf dem wir sitzen, abzusägen. Gott(?!)seidank muss das ja nicht sein! Doch das ist ein weiteres wichtiges Thema. Hier soll es um etwas anders gehen:

Nun, der nächste Game-Changer bricht sich gerade Bahn: Nach der ‚Kognitiven Aufklärung‘ stehen wir am Beginn der nächsten großen geschichtlichen Phase, der:

 ‚Zweiten Aufklärung‘.

Man könnte in Anlehnung an die erste, ‚Kognitive‘ diese die ‚Emotionale Aufklärung‘ nennen. Dabei geht es also um ‚Emotionale Bewusstheit‘. Das bedeutet, dass wir einer Gesellschaft entgegengehen, die etwas zur ‚Illusion‘, zur ‚Puren Einbildung‘, ‚Weiberkram‘ oder Schlimmerem Erklärten, wieder Aufmerksamkeit schenkt. Diesen Bereich für wieder real, ja, für entscheidend hält:

Unsere Emotionalität.

Dabei geschah es aus gutem Grunde so, dass zuerst die kognitive Aufklärung erfolgte: Sie schuf u.a. die gedanklich abstrakten Strukturen, die wir benötigen, um im Rahmen der Zweiten Aufklärung über die Entstehung, Herkunft, Verhärtung, Veränderbarkeit und Heilung von Gefühlen überhaupt für jedermann verständlich sprechen zu können. Ganz abgesehen von unserem biologischen und rasant wachsenden neurologischem Wissen, das die neuesten Erkenntnisse über unser ‚Emotionales Funktionieren‘  für die Gläubigen der ersten Aufklärung erst (kognitiv) vollziehbar macht.

Gefühle? Emotionen? Intensität im Ausdrucksverhalten? Gott bewahre!

Tatsächlich war die Emotionalität des Menschen die meiste Zeit etwas, das es durch stracke kulturell-religiöse Korsagen zu zähmen galt. Nur ganz bestimmte emotionale Äußerungen in bestimmten Kontexten waren überhaupt erlaubt. Männer durften außer Siegesfreude gar keine Emotionalität zeigen. Wir kennen das. Wer ‚unpassend‘ emotional war und fühlte wusste sicher eines: „Ich bin/fühle falsch, da ja nur ich so fühle und erlaubt ist es sowieso nicht“. Die der Ersten Aufklärung folgende Phase der Romantik und des ‚Sturm & Drangs‘ brach das zwar schwärmerisch auf, aber erst ab 1968 krachte die verkrustete Kulturschale der westlichen Gesellschaften richtig auf. Alle vorhergehenden Versuche einer Psychologie, allen voran Freud, erzeugten nur weitere und hinterhältigere, weil nun als ‚wissenschaftlich‘ geltenden Rationalisierungen von: „Der Mensch ist ein schlimmes Tier mit üblen Urtrieben aus einem dunklen Verließ namens ‚Unterbewusstsein‘, die in Schach gehalten werden müssen.“ Freud stand sich an seinem Lebensende ein, dass „meine Psychonanlyse kein Heilverfahren ist.“ Stimmt. Was aber Generationen von Psychoanalytikern nicht davon abhielt, Millionen Klienten ihre Träume erzählen zu lassen, um zu bewerten, was davon pervers, eine Symptomverschiebung oder gesellschaftlich akzeptabel ‚gesund‘ zu nennen war. Zur Ehrenrettung der Branche sei erwähnt, das sich schon früh Widerstand gegen Freuds freudlos-verklemmtes Menschenbild regte. Als einer von vielen Vertretern sei hier Piaget erwähnt. Besonders ihm, aber auch anderen fiel auf, das Kinder, die von Anfang an echte, warmherzige (Mutter-) Liebe genossen hatten, viel eher zu kreativen und emotional stabilen, förderlichen Mitgliedern der Gesellschaft aufwuchsen. Gab man Kindern nur die sich lange, lange, viel zu lange haltende Umgangsweise der kühlen Distanziertheit, wurden diese eher verhaltensauffällig, emotional unreif, gewalttätig etc. Klar, so waren ja Menschen, deswegen mussten diese dann (von ebenso Aufgezogenen) mit harter Strenge auf Linie gebracht werden. Ein Teufelskreis, der sich bis heute in einigen Kulturen und noch viel zu vielen Familien hält.

My Human Baseline: „Wir sind wahrnehmende, fühlende Wesen.“

Riefen auch die Hippies und drückten sich zum Erschrecken ihrer Elterngeneration bunt, laut und völlig über alle Grenzen gehend, aus. Was da hervorbrach war ungeheuerlich. Über Generationen angestaute Gefühle, Unverarbeitetes aus Familie und Kindheit und der Versuch, durch das sprengen aller sexuellen gesellschaftlichen Regeln zur wahren Liebe durch zu brechen. Noch heute haben wir viel daran zu arbeiten, unsere bisher zur Spinnerei erklärte Emotionalität wirklich ernst zu nehmen, einordnen zu können und auf eine Weise zu leben, die für uns selbst und unsere Mitmenschen konstruktiv und förderlich ist.

Again: „Wir sind wahrnehmende, fühlende Wesen.“

Jede Wahrnehmung kommt über einen unsere fünf Sinne in unsere interne Verarbeitung und wird direkt in einen Bedeutungs-Erlebnis umgesetzt. Das darüber nachdenken oder das bewusste bewerten kommt viel später. Insofern müsste man Descartes Ausspruch „Ich denke also bin ich“ übersetzen in :“Ich denke, also habe ich grade etwas erlebt – ich erlebe, also bin ich. Damit gehört der Primat des Denkens der Vergangenheit an. Wie aber geht man mit dem neuen Primat, nämlich den Emotionen, kompetent um. Das hat uns in der Schule bislang noch niemand beibringen können.

Selbsterkenntnis braucht Mut

Sagte Immanuel Kant noch:

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“,

muss die neue Devise lauten

„Habe Mut, dir deiner eigenen Emotionen bewusst zu werden.“

Denn Mut braucht es tatsächlich, weil die Bewusstwerdung der eigenen Emotionen immer mit der Konfrontation der eigenen Vergangenheit und auch unangenehmen bis schmerzhaften Gefühlen zu tun hat. Nun, die Mittel für den Umgang damit sind gegen Ende des letzten Jahrhunderts erstmal für alle verfügbar und erstaunlich effizient. Ob Transaktionsanalyse, Gestalttherapie, Hypnosetherapie, Neuro linguistisches Programmieren, Klientenzentrierte Therapie oder was all der guten neuen und wirkungsvollen Modelle mehr sein.

Die Rückkehr der Intuition

In der ersten Aufklärung wurde alles, was auch nur ansatzweise nach Magie, Aberglauben. Intuition. Zugang zur Transzendenz im allgemeinen oder menschlichen Fähigkeiten wie geistige Vorausschau oder Telepathie klang, als irrational, Irrglaube und antiaufklärerisch geächtet.

Natürlich wurde dadurch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Und nun nachdem wir wohlfeile kognitive Kategorien und ein sauber strukturiertes Denken unser eigen nennen, dürfen wir uns alldem, was bislang im geltenden Paradigma nicht erklärbar war, mit großer Nüchternheit wieder nähern.

Menschen sind emphatischer denn kriegerisch

Obwohl sich die Menschheitsgeschichte liest wie ein Horrorfilm von Kriegen, Eroberungen und Leid, haben wir Menschen doch immer viel mehr Zeit damit zugebracht, gut zueinander zu sein. Leider steht das in keinem Geschichtsbuch. Und wenn man eine Volksbefragung ausführen würde, die den ganzen Globus umfasst und würde nur eine einzige Frage stellen: „Wollt Ihr in Frieden leben?“ So würde eine Mehrheit von über 99 % dem sicher aus vollem Herzen zustimmen. Die wachsende Bewusstheit in allen Bereichen – sei es kognitiv, emotional oder politisch – und ihre Vermittlung durch das weltweit verfügbare Internet sorgte nicht nur für den sogenannten ‚Arabischen Frühling‘. In Wirklichkeit geht es hier um einen globalen Frühling.

Das 10000000 –äugige Wesen das wir sind, beginnt sich selbst als ‚sich selbst in einer Einheit seiend‘ zu begreifen. Die Menschheit ist, wie der Begriff schon ausdrückt, etwas Geeintes. Je bewusster wir nun in der Kindererziehung, im Umgang miteinander, im politischen Diskurs, in den Ausbildung unserer Lehrer und unsere Kinder werden, desto deutlicher und umfassender wird unsere gemeinsame Haltung zur Art und Weise wie dieser Planet zu beleben sei, deutlich. So frei wie möglich, unter Berücksichtigung der Gesetze der Nachhaltigkeit und so gerecht als irgend möglich. Ich kenne persönlich niemanden, der dem nicht zustimmen würde.

Gut und böse im Dritten Jahrtausend

An dieser Stelle möchte ich eine neue Definition der Kategorien Gut und Böse anbieten. Bislang waren diese Begriffe aus ideologischem und religiösem Hintergrund heraus definiert. Definiert man sie aus emotionaler Bewusstheit, könnten Sie folgendermaßen lauten:

Das BÖSE ist: Zerstörerische Wut, um sich – aus Ohnmacht und Schmerz – über andere oder das Schicksal zu erheben.

Das GUTE ist: Achtsam die anderen zu fühlen und entsprechend zu handeln.

Wir sind wahrnehmende, fühlende Wesen. Lasst uns achtsam auf diese Tatsache eine Gesellschaft erschaffen, in der es allen so gut wie nur möglich geht.

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